Der symbolische Kampf der Menschen mit den entfesselten Naturgewalten!
Das Egga-Spiel in Sonthofen ist ein außergewöhnlicher Fasnachtsbrauch, der bis weit in die vorchristliche Zeit zurückreicht und bis heute eine starke kulturelle Bedeutung für die Region besitzt. Dieses pantomimische Spiel, das in seiner ursprünglichen Form bis ins 18. Jahrhundert hinein von einheimischen Burschen aufgeführt wurde, ist tief verwurzelt in heidnischen Vorstellungen von Naturkräften, Dämonen und dem ewigen Kreislauf von Winter und Frühling. Im Zentrum steht der symbolische Kampf des Menschen gegen die unberechenbaren, oft furchteinflößenden Naturgewalten, die man früher als dämonisch interpretierte. Gerade in der alpinen Region, in der Naturereignisse wie Lawinen, Unwetter und Missernten das Leben stark beeinflussten, spiegelte das Egga-Spiel die Ängste, Hoffnungen und den Wunsch nach Schutz durch rituelles Handeln wider.
Der heimatkundliche Wert dieses Brauchs wurde 1955 erkannt, als der Heimatdienst Sonthofen das Egga-Spiel nach Jahrzehnten des Vergessens wiederbelebte. Seitdem findet die Aufführung alle drei Jahre statt – immer am Sonntag nach dem Fasnachtsdienstag, dem sogenannten Funkensonntag. Nach Auflösung des Heimatdienstes übernahm im Jahr 2019 der Trachtenverein GTEV „Edelweiß“ Sonthofen e. V. die Organisation und Durchführung. Damit bleibt das Spiel fest in der Tradition der lokalen Kulturvereine verankert, die seit Generationen das Brauchtum pflegen. Die nächste Aufführung des pantomimischen Schauspiels findet am 22. Februar 2026 statt, wobei aktuelle Hinweise und Informationen im Vorfeld auf der Vereinswebsite abrufbar sind.
Wie viele traditionelle Bräuche beginnt auch das Egga-Spiel nicht abrupt, sondern entwickelt sich aus einem feierlichen Umzug heraus. Die Mitwirkenden ziehen gemeinsam durch die Stadt, bevor sie vor der Markthalle ankommen, wo die eigentliche Szenerie aufgebaut ist. Dieser Ort verwandelt sich für die Dauer der Aufführung in einen symbolischen Bauernhof mit Ackerfläche. Dort beginnen Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd sowie weitere Figuren ihre alltägliche landwirtschaftliche Arbeit, die an sich ein Sinnbild für Ordnung, Fleiß und das Bemühen des Menschen um das Gedeihen seiner Lebensgrundlage ist. Doch dieses geordnete Tun bleibt nicht lange ungestört: Die Egga-Hexe erscheint, ein Sinnbild für die zerstörerischen, chaotischen und unberechenbaren Kräfte der Natur. Sie scheucht das Vieh auf, verdirbt die Speisen, stört die Arbeit und bringt das gesamte bäuerliche Umfeld aus dem Gleichgewicht.
Der Ausdruck „eggen“, der dem Spiel seinen Namen gibt, bedeutet im übertragenen Sinne „alles durcheinanderbringen“ oder „misslingen lassen“ – daher auch die Redewendung „Es eggt an allen Ecken und Enden“. Genau dieses Bild stellt die Pantomime in überzeichneter Form dar: Eine Welt, die aus den Fugen gerät, weil eine zerstörerische Kraft unkontrolliert wütet. Doch wie in vielen heidnischen Frühjahrsriten findet sich auch hier ein Erlösungsmoment. Nachdem die Verwirrung ihren Höhepunkt erreicht hat, beginnt eine symbolische Jagd auf die Hexe. Die Dorfgemeinschaft – in Gestalt der Akteure – vereint sich gegen das Böse, fängt die Hexe und sperrt sie ein. Am Ende wird sie im Rahmen des Funkenfeuers verbrannt, ein Ritual, das bis heute in vielen Orten im Alpenraum als Reinigungssymbol und als Zeichen für das Ende des Winters dient.
Eine Besonderheit des Egga-Spiels liegt in der Besetzung. Ursprünglich war es ausschließlich den männlichen Jugendlichen vorbehalten, was auf patriarchalische Strukturen vergangener Zeiten hinweist. Erst seit 1993 dürfen auch Mädchen teilnehmen. Insgesamt wirken rund 17 Personen mit, die alle große, kunstvoll geschnitzte Holzmasken tragen. Unter ihnen befinden sich neben den menschlichen Figuren wie Bauer, Bäuerin, Knecht und Magd auch zahlreiche Tiergestalten wie Pferde, Kuh, Hund, Katze, Sau, Gockeler oder Geißbock. Jede dieser Figuren hat eine festgelegte Rolle, die dazu beiträgt, das bäuerliche Leben in pantomimischer Form darzustellen und die Störung durch die Hexe besonders sichtbar zu machen.
Durch seine Mischung aus archaischer Symbolik, ritueller Darstellung und regionaler Tradition ist das Egga-Spiel ein eindrucksvolles Kulturereignis, das den Übergang vom Winter zum Frühling markiert und bis heute zahlreiche Besucher anzieht. Es verbindet die historische Weltanschauung der Vorfahren mit der lebendigen Brauchtumspflege der Gegenwart und bleibt damit ein einzigartiges Stück lebendiger Allgäuer Kultur.